Donnerstag, 1. September 2016

Es gilt, eine Schlacht zu schlagen (STUNT 100)

"Bergsteigen ist zweckfreies Tun. Zweckfreies Tun ist nur dann echt, wenn es in einer zweckfreien Landschaft ausgeübt wird. Sonst wird es zu einem kitschigen Spiel."  

Diese Worte Karl Kolars, der Mitte des 20. Jahrhunderts als Funktionär des Wiener Lichtbildner Klubs Bergfotolehrgänge im österreichischen Alpenverein initiierte, lassen sich eins zu eins auf das übertragen, was ich am kommenden Wochenende vorhabe. Ultralaufen, erst recht wenn es um die Königsdistanz von 100 Meilen (160 Kilometer) geht, ist zweckfreies Tun. Wenn sich dazu nur knapp mehr als zwanzig Läufer einfinden, der Veranstalter ohne große Sponsoren und Publicity auskommt und allein um des Laufens Willen gelaufen wird, dann wird in einer zweckfreien Umgebung gelaufen. Eingebettet zwischen den Sieben Bergen und dem Hildesheimer Wald liegen Start und Ziel. Sibbesser Tag und Nacht Trail - oder einfach nur STUNT 100 heißt das Abenteuer, dem ich mich ganz zweckfrei zuwende.

Dachsteinsüdwand im letzten Abendlicht

Die Südwand des Dachsteins ragt 850 m über der Ramsau auf. Sie wirkt von dort uneinnehmbar und monströs; freundlich in der Farbe, doch grimmig im Aufbau. Auf dem Foto scheint sie gerade aus der Hölle hervorgekommen zu sein, denn letzte Feuer züngeln um ihre Spitze. Doch auf den zweiten Blick erkennt man das liebliche Rot des verblassenden Sommertages, der sie wärmer als am Morgen erscheinen lässt. Auch tun sich Bänder und Verschnitte auf, die eine Durchsteigung möglich machen. Und als ich an diesem Abend auf dem Hof des Hotels stand und meinen Blick auf den Dachstein richtete, da waren die 160 Kilometer ganz nah. Und was mir vor Monaten und Wochen  noch wie ein Himmelfahrtskommando vorkam, wurde nun greifbar, realisierbar. 
Ramsau liegt auf einem Hochplateau über dem Ennstal, was der Gemeinde viel Sonne, Touristen und und Geld bringt. Die Zufahrtsstraßen sind steil und die Häuser und Höfe in dem weitläufigen Areal verstreut, sodass überhaupt nicht auffällt, in der größten Tourismusgemeinde der Steiermark zu sein. Unten im Tal der Enns liegt Schladming mit seinem schönen Rathaus, hinter dem sich der Dachstein erhebt. 

Schladminger Rathaus vor dem Dachsteinmassiv

Am Ende der Schladminger Fußgängerzone vom Salzburger Tor kommend, steht ein Denkmal, das an den Schladminger Bauern- und Knappenaufstand im Jahre 1525 erinnert. Der Schladminger Aufstand steht in einer Reihe von Auseinandersetzungen zwischen dem gemeinen Volk und der herrschenden Klasse (geistlich wie weltlich), die auch als Deutsche Bauernkriege bezeichnet werden. Als vom Bergbau geprägte Stadt waren es vor allem die Knappen, die sich vermehrt zum aufkommenden Protestantismus bekannten und damit den Zorn der katholischen Kirche auf sich zogen. Nachdem ein Aufstand im nahen Gasteinertal zur Belagerung der Festung Hohensalzburg , in deren Ausbau ein erheblicher Teil des im Bergbau erwirtschafteten Geldes ging, führte, schlossen sich auch die Schladminger Knappen zusammen. Daraufhin machte sich der Landeshauptmann Siegmund von Dietrichstein ins Ennstal auf, um den Aufstand niederzuschlagen. Die Schladminger Knappen hatten sich zurückgezogen und aus angrenzenden Regionen unter Führung von Michael Gruber Unterstützung erhalten. 3500 Aufständische, die weder Reiter noch Geschütze hatten, standen 3000-4000 Männern unter Dietrichstein gegenüber, der sich in der Stadt, umgeben von reißenden Gebirgsbächen und steilen Bergen, sicher fühlte und auf Verstärkung wartete.

Denkmal in Erinnerung an den Schladminger Bauernaufstand, bei dem das Bauernheer die ständischen Truppen am 3. Juli 1525 besiegt und Schladming erobert haben. Das Denkmal wurde 1925 von den steirischen Bauernbündlern errichtet.

Ein Angriff durch das Tal war also unmöglich und so teilte Gruber sein Heer in Pichl, wo heute die Zufahrtsstraße zu dem wunderbaren Hotel, in dessen Einfahrt das Foto vom Dachstein entstand, von der Schnellstraße im Ennstal abzweigt. Ein Teil stieg in der Nacht und im unwegsamen Gelände Richtung Ramsau empor, der andere Teil querte den gegenüberliegenden Berghang, stieg ins Untertal, das heute mit dem Zusatz "Wilde Wasser" vermarktet wird, ab und auf den Fastenberg hinauf. Beide Teile waren nun oberhalb von Schladming und mit dem überraschenden Angriff in der Nacht vom 2. auf den 3. Juli 1525 konnte Schladming eingenommen werden. Ein auf den ersten Blick unmögliches Unterfangen gelang also Dank guter Planung, einer Portion Mut und etwas Glück.

Ärmlinge mit der Aufschrift: Quäldich.de

Es gilt, am Samstag eine Schlacht zu schlagen. Ich habe nicht ausreichend Trainingskilometer in den Beinen, erfreue mich ansonsten aber bester Gesundheit und bin ausreichend verrückt, um nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Mein Heer zählt eine Frau, zwei Männer und einen Hund - ebenfalls alle ausreichend fit -  und ein Angriffsplan liegt auch schon bereit. Die Geschichte vom Schladminger Aufstand wird mir wahrscheinlich durch den Kopf gehen, wenn ich nach 13 Stunden Laufzeit die Stirnlampe aufsetze und in der Dunkelheit und Stille der Nacht durch das Leinebergland laufe. Letztendlich läuft alles auf Vergils "Der Geist bewegt die Materie" hinaus.

Der Aufstand in Schladming fand im September 1525 sein Ende, als sich die Knappen den anrückenden Truppen von Niklas Graf Salm, der später Wien erfolgreich gegen die Türken verteidigte, ergaben. Ich kann es nicht versprechen, aber ich hoffe, dass der Lauf ein besseres Ende als der Schladminger Bauernaufstand nimmt.

Montag, 11. Juli 2016

Das einfache Leben


Zufälle sind unvorhergesehene Ereignisse, die einen Sinn haben.
Diogenes von Sinope
Eine Woche nach dem Zugspitz Ultratrail ging es meinen Beinen schon wieder sehr gut und so entschieden Mone und ich, am Sonntag eine längere Wanderung zu machen. Ein Ziel war schnell gefunden: Mit der Rotwand sollte ein klassischer Münchner Hausberg bestiegen werden. Die Rotwand liegt im Mangfallgebirge unweit des Spitzingsees und ist von dort leicht und von dort Bergstation der Taubsteinbahn noch leichter zu erreichen. Viel Trubel und ein großer Rummel war also vorprogrammiert. Drei Punkte sorgten jedoch dafür, dass es eine beschauliche Bergwanderung wurde, die mir wieder einmal vor Augen geführt hat, dass es nur wenig braucht, um ein schönes Leben zu haben.

Ein rosa Handtuch liegt auf einer grünen Wiese vor dem nebelverhangenen
Soinsee.

1. Schlechtes Wetter. Mir scheint, als ob der Sommer im Süden ziemlich verregnet sei. Immer, wenn ich die Donau überquere, beginnt es zu regnen und auch an diesem Sonntag tröpfelt es eine Stunde nach dem Aufstehen auf's Dach. (Ja, gestern hat die Sonne geschienen und es hat für eine Radtour entlang der Isar bis zur Grünwald Brücke und zurück gereicht. Aber ist schon eher grau dieser Tage). Nicht, dass es im Norden wärmer ist, aber irgendwie trockener. Da man nie so genau weiß, wann es aufklart, fahren wir trotzdem in die Berge - und weniger los ist dann auch.

Ein Bach bahnt sich seinen Weg durch den dichten
Wald.

2. Ein abgelegner Ausgangsort. Um Trubel und Skistationen zu entgehen, wählen wir Geitau als Ausgangspunkt für die Wanderung. Es gibt hier einen Bahnhof, der von der Bayrischen Überlandbahn angesteuert wird. Da wir gerade ein Auto in München haben, fahren wir ausnahmsweise mit diesem in die Berge - eine Landpartie mit dem Auto führt manchmal durch schöne Gegenden, wie heute das Leitzachtal. Der Weg von hier ist etwas länger auf die Rotwand und zu Beginn etwas fad, aber nach der Heubergalm und dem Eintritt in den Wald äußerst interessant. Der Steinbach ist dabei steter Begleiter, der sehr abwechslungsreich - mal als beschaulicher Bach, dann wieder als brausender Wasserfall - linker Hand gen Geitau fließt.

Der Autor sitzt essend auf einem Stein. Im Hintergrund ein Bachlauf.

3. Nimm das, was Du bekommst, und sei glücklich damit. Gipfelglück konnten wir nicht vermelden, es hat sich aber trotzdem gelohnt. Dicker Nebel hing in den Bergen, der sich auch nicht im Laufe des Vormittags verzog, sodass wir am Soinsee beschlossen, nicht weiterzugehen. Der Weg war zehn Meter zu sehen - das war es dann aber auch schon. So blieb Zeit, um im See zu baden (KALT!!!), sich auf der Schellenberg zusammen mit den Sennerinnen bei einem Kaffee wieder aufzuwärmen und den großen Wasserfall unterhalb des Schellenbergs etwas abseits des Weges zu bestaunen. Auf dem Rückweg gab es dann sogar noch Lammsbräu Helles alkoholfrei für den Fahrer im Café GlückSeeligkeit am Schliersee.

Montag, 27. Juni 2016

Jeder Tag ist ein kleines Leben für sich

Ein jeder Tag ist wie ein kleines Jahr,
und jede Stunde Bergeinsamkeit ist wie ein Hauch der Ewigkeit.
Fernöstliche Weisheit

Seit ich mich vor zehn Minuten in den Downhill vom Osterfelder Kopf unterhalb der Alpspitzbahn geworfen habe, prasselt unaufhörlich Regen auf mich ein. Die Wege, die ohnehin schon vom Regen der vergangenen Tage aufgeweicht sind, werden nun noch rutschiger und die einsetzende Dunkelheit erschwert es ungemein, bergab zu laufen. Nie war ich so froh über meine Stirnlampe, die ich schon im Aufstieg in weiser Voraussicht an einer windgeschützten Stelle aus dem Rucksack geholt habe – um dann am höchsten Punkt doch anhalten zu müssen, um die Regenjacke rauszuholen. Etliche Läufer haben keine Stirnlampe auf und sind zu Wanderern mutiert, tasten sich langsam den Weg hinab und äußern dann auch noch Unverständnis, wenn ich mit einem mir vorauseilenden „Servus“ oder „Danke“ um etwas Platz auf dem schmalen Pfad bitte. Ich stoppe kurz und verstaue meine beschlagene Brille in der Brusttasche meiner Jacke, wohlwissend, dass ich auf der Entfernung zwischen Augen und Boden scharf genug sehen kann. Vor dem Hupfleitenjoch hält sich ein letztes Schneefeld hartnäckig im steilen Nordhang, trotzt Regen und Sonne und lässt mich kurz abstoppen. Am Ende des kurzen Gegenanstiegs wartet Kathi, die auf der kürzeren Strecke von Leutasch unterwegs ist, und in freudiger Erwartung, sie kurz drücken zu können, stürme ich die letzten positiven Höhenmeter des heutigen Tages hinauf. Wir unterhalten uns kurz, ich wünsche ihr alles Gute für die letzten Kilometer und gehe wieder in den Laufschritt über. Wo der Weg kein Gefälle aufweist, ist er eine einzige Pfütze. Es ist sinnlos auszuweichen, denn das Wasser ist überall. Am letzten Verpflegungspunkt will ich nur ganz kurz anhalten, um etwas Cola zu trinken. Zucker und Koffein sind die ideale Mischung, um auf dem letzten Downhill konzentriert bleiben zu können. Dann kommt mir Alex am VP entgegen – er muss noch die Schleife über den Osterfelder Kopf drehen, sieht aber gut aus und ich weiß, dass auch er es ins Ziel schafft – und wir unterhalten uns kurz. Letztendlich werden mich diese drei Stopps (Regenjacke, Kathi, Alex) eine Zeit von unter 15h kosten, aber das ist mir nach diesem langen Tag egal.




Wie das Wasser bahnen Tobias und ich uns den Weg nach unten, überholen erschöpfte Läufer und surfen diesen Singletrail aus Wasser, Erde und Steinen bei Dunkelheit hinab, als ob wir flach in der Helligkeit des Tages auf einer geteerten Straße liefen. Auf Tobias bin ich zu Beginn des letzten Abstiegs aufgelaufen. Er ist ebenfalls auf der Langdistanz des ZUT unterwegs – hat also bereits 96 Kilometer und 5400 positive Höhenmeter in den Beinen und nur noch vier Kilometer vor sich – und wollte mich bereits in einer Kehre an sich vorbeilassen, doch ich bleibe hinter ihm, denn wir sind in etwa gleich schnell und mit zwei Stirnlampen wird der Weg besser ausgeleuchtet. Unabgesprochen stellt sich bei uns eine kleine Arbeitsteilung ein: Tobias hat den unmittelbar vor uns liegenden Abschnitt im Blick und warnt vor Gefahrenstellen, ich mache vor uns laufende, langsamere Läufer auf uns aufmerksam, in dem ich entweder die Stöcke gegeneinander schlage oder etwas lauter rufe – Arbeitsteilung at its best! Drei Kilometer noch zum Ziel. Der Blick geht auf die Uhr, die eine Zeit von 14:41h anzeigt. Eigentlich kein Problem, 19 Minuten für die verbleibende Strecke viel Zeit, doch ich weiß, dass noch zwei rutschige Wiesen und mindestens ein Gatter vor uns liegen. Als uns der Wald in Hammersbach ausspuckt, wird der Schritt länger und wir nehmen noch mehr Tempo auf. Wir fliegen an anderen Läufern vorbei, pushen uns Gegenseitigkeit, schneiden Kurven und bewerten die StVO einvernehmlich als Regularium, das einzig und allein dazu dient, die schnellstmögliche Fortbewegung von Punkt A nach Punkt B zu erschweren. Ich habe das Gefühl, dass Tobias abfällt, winke ihn mit dem Stock wieder ran. Vorletzte Kurve vor dem Ziel, Zeitmessung, 140m to go. Wahrscheinlich werden unsere Namen jetzt angesagt, schießt es mir in den Kopf. Letzte Kurve, helles Licht, der Tag geht mir durch den Kopf, abklatschen mit Tobias, Zielbogen. Mone kommt mir entgegen, Freddy steht im Auslauf des Ziels und beide nehmen mich in den Arm. Wenn jeder Tag wie ein kleines Leben ist und Sterbenden kurz vor dem Tod das komplette Leben vor dem inneren Auge ablaufen soll, ist das hier die Zeit nach dem Tod – und sie könnte schöner nicht sein.

Freitag, 17. Juni 2016

Denn er wusste nicht, was er tut

Lehrstuhl- und Doktorarbeit führen dazu, dass ich nicht nur hier weniger veröffentliche, sondern auch insgesamt weniger über Bewegung allgemein und Laufen speziell schreibe - Tourenbücher sollten schließlich auch in regelmäßigen Abständen gepflegt werden. So sind seit dem letzten Eintrag mehr als vier Monate vergangen, in denen die Brocken-Challenge der einzige Wettkampf war und Lauftraining mehr Ausnahme als Regel war - die letzten vier Wochen ausgenommen.


Zur BC kann ich den vielen wundervollen Berichten hier, hier und hier als persönliche Note nur hinzufügen, dass es eigentlich wie im letzten Jahr lief (gemächlicher Start, Top Ten in Barbis, Magenprobleme im Entsafter I, aufgepäppelt am Jagdkopf, Finish in unter 8h, wunderbare Massage durch Rado, Kräuterschnaps zur Regeneration, heiterer Fußweg vom Gipfel, entspannte Rückfahrt nach Göttingen). Die BC ist zu einer Hassliebe geworden, der ich aber zumindest in 2017 noch die Treue halte, auch wenn der Winter alles andere als meine Lieblingsjahreszeit und laufen hier für mich mehr Qual als Bereicherung meines Alltags ist.

Partenkirchen vor Alp- und Zugspitze

Die Zeit danach war vor allem durch schöne Wanderungen, Langlauf und Schneeläufe geprägt. Wer auf der Suche nach einem schönen Urlaubsziel für den Winter ist, dem sei die Region um Kufstein empfohlen. Die Anbindung über öffentliche Verkehrsmittel ist perfekt (1h von München), die einzelnen Gemeinden sind unproblematisch mit dem Bus zu erreichen und die Wintersportmöglichkeiten unbegrenzt: Alpinski in der SkiWelt Wilder Kaiser, Langlauf in Kössen, Wandern im Zahmen Kaiser (Vorderkaiserfeldenhütte mit grandioser Aussicht hat ganzjährig auf) oder steil über dem Inntal auf den Pendling, Spazieren gehen am Hechtsee, in dem sich der Brünnstein wie das Matterhorn im Riffelsee spiegelt oder einfach nur stumpf im Inntal auf dem Radweg laufen.


Als es dann wärmer wurde - hier im Norden also ab Ende April - bin ich dann auch wieder mehr gelaufen, was Körper und Geist außerordentlich gut tat. Auch Bier tut - in Maßen - Körper und Geist tut, das Kloster Andechs wurde aber bei einer Ammerseeumrundung mit Martin und Michael und ortskundiger Begleitung von Sandro trotzdem links liegen gelassen. So kamen nach und nach Kilometer in die Beine und Trainingseinheiten gespickt mit Höhenmetern ließen in mir die Hoffnung aufkommen, den nächsten Wettkampf halbwegs passabel überstehen zu können. Da die Zugspitze mehr und mehr zu einer Großbaustelle verkommen ist, bleibe ich dem Gipfelrummel (voraussichtlich) in diesem Jahr fern und nehme mich lieber der Umrundung des Wettersteinmassivs an. 100 Kilometer sind dafür beim Zugspitz Ultra Trail (ZUT) zurückzulegen und ich werde diesen Lauf, dem eine wunderschöne Landschaft als Kulisse dient, genießen, sowie man eben 5400 positiven Höhenmetern genießen kann. Der Vorhang öffnet sich am Samstag (18.6.) um 7:15 und das Spektakel kann live verfolgt werden!


Samstag, 6. Februar 2016

Brocken-Challenge 2015: Here we go! [Part II]


Hinweis: Der erste Abschnitt des zweiten Teils enthält einige Überlegungen, wie ein (Ultra-) Wettkampf möglichst erfolgreich bestritten werden kann. Wer sich mit dieser Einleitung, die natürlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, nicht auseinandersetzen will, kann direkt zur Fortsetzung der Renngeschichte springen. Eventuell entwickelt sich dieser Abschnitt zu einem eigenständigen Beitrag, vorerst bleibt er jedoch als Einleitung zu diesem zweiten Teil bestehen.
Beim Marathon ist eigentlich kein wirklicher Angriff mehr möglich. Im Grunde genommen geht es nur noch darum, den eigenen Niedergang so gering wie möglich zu halten. (Faris Al-Sultan im Rahmen der Berichtserstattung zum Ironman in Frankfurt/M., Juli 2015)
Diese zwei Sätze von Faris Al-Sultan können eins zu eins auf einen Ultramarathonlauf übertragen werden. Positionsveränderungen finden, bis auf wenige Ausnahmen, nicht mehr durch eine Tempoverschärfung statt, vielmehr macht derjenige noch Plätze gut, der gegen Ende des Wettkampfs am wenigsten Zeit verliert. Gefragt und gefordert ist also Geduld, um sich nicht in der Hektik der frühen Phase eines Wettkampfs Hals über Kopf das Tempo anderer Läufer diktieren zu lassen. Das im Vorfeld veranschlagte Tempo sollte trotz der frischen Beine und des Adrenalins, dass in diesen Minuten den Körper durchströmt, nicht überschritten werden. Geduld, und das gilt nicht nur für den Wettkampf, sondern für viele Bereich des Lebens, hat man - oder man kann sie sich aneignen. Wenn man von Natur aus nicht besonders geduldig ist, geben Sicherheit und, als Teil davon, auch Planung Geduld. Wer weiß, dass der nächste Termin erst in einer halben Stunde ist, schreit nicht im Supermarkt nach einer zweiten Kasse, wenn vier Leute in der Schlange vor einem stehen. Planung bedeutet Sicherheit und Sicherheit ermöglicht Geduld. Planung bei einem Ultramarathon bedeutet nicht nur eine ordentliche Trainingsvorbereitung, sondern auch die Auseinandersetzung mit den Anforderungen der Strecke. Dazu kommen natürlich noch weitere, subjektive Kriterien, die Sicherheit bedeuten oder erzeugen. Für mich ist das vor allem der Aspekt, dass ich nicht an der Sinnhaftigkeit meines Tuns zweifle. Was übrigens auch ein wichtiger Aspekt ist, um Stress zu vermeiden.
Meine Planung für den Wettkampf war aus meiner Sicht perfekt. Ich würde im Nachhinein keine Änderung daran vornehmen. Die Strecke war mir, was natürlich luxuriös und nicht für jeden und bei jedem Wettkampf machbar ist, zu 100 % aus Trainingsläufen bekannt. Hier eignet sich natürlich auch die Benutzung einer Landkarte, die auch Aufschluss über die zurückzulegenden Höhenmeter gibt. Auch war mir die Aufteilung der Verpflegungspunkte (VP) über den Verlauf der Strecke bekannt und ich hatte im Vorfeld fast schon einen minutiös ausgearbeiteten Plan für die Nahrungsaufnahme erstellt. Das ist insbesondere deshalb hilfreich, weil der Körper gerade in der frühen Zeit des Rennens noch keine Signale zur Nahrungsaufnahme ausschüttet und die Gefahr eines Defizits im weiteren Verlauf in dieser Hinsicht besonders groß ist. Des Weiteren war ich perfekt angezogen, da ich mir nach jedem Trainingslauf in den vergangenen kalten Monaten penibel die herrschenden Wetterbedingungen und die getragene Kleidung, teilweise exakt die jeweiligen Kleidungsstücke, notiert hatte. Das mag auf den ersten Blick vielleicht übertrieben klingen, jedoch erleichtert es zum einen die Kleidungsfindung direkt vor dem Lauf und zum anderen gibt es die Gewissheit beim Lauf, die für die herrschenden Wetterbedingungen die richtige Kleidung zu tragen. Daneben ist es auch wichtig, im Laufe des Trainings ein gewisses Körpergefühl zu entwickeln, dass einem Aufschluss über den aktuellen Zustand gibt. Hierauf im Wettkampf zu hören, ist unerlässlich und schon beim kleinsten Anzeichen einer Überforderung oder einem Unwohlseins zu Beginn des Rennens sollte man sich Gedanken über den Grund für diese Anzeichen machen. Sicherheit und damit Geduld hatte ich somit. Demut vor der Strecke hatte ich, auch da es mein erster Ultra war, ohnehin. Perfekte Voraussetzungen also, um den eigenen Niedergang so gering wie möglich zu halten.
Barbis, 14. Februar 2015, ca. 9:35


Der VP in Barbis kann mit Fug und Recht neben Start und Ziel als einer der Drehpunkte der Brocken-Challenge bezeichnet werden. Er liegt fast genau bei Kilometer 42,5, ein Marathon ist schon absolviert und mehr als die Hälfte der Gesamtstrecke damit schon zurückgelegt. Hier ist außerdem ausreichend Platz für Begleiter, um die eigenen Schützlinge in Empfang zu nehmen und für uns Läufer ein guter Zeitpunkt, ausreichend Nahrung und Trinken und eventuell Wechselbekleidung aufzunehmen. Denn Barbis bildet zugleich das Tor zum Harz und den Abschluss des Eichsfelds. Von nun an geht es mehr oder minder nur noch bergauf – auch wenn bis hierhin schon einige zu überbrückende Anstiege, die nicht verachtet werden dürfen, von einigen Läufern in der Vorbereitung aber unterschätzt werden.. Der Einlauf nach Barbis ist daneben deshalb besonders schön, weil die Straße leicht abfallend zum VP führt, und der vorauseilende Blick schon früh Freunde, Bekannte und – besonders wichtig – die liebevolle Betreuung des Stands durch Helfer von Naturkost Elkershausen erfasst. Weitere Ausführungen erspare ich mir an dieser Stelle, da sie bereits im ersten Teil erfolgt sind. Für die Fortführung der Geschichte möchte ich also an der Stelle ansetzen, an der mein guter Freund Lars Donath den VP verlässt und ich ihm – etwas überstürzt – nacheile. Lars hatte den VP nach kurzer Pause ebenfalls etwas überstürzt verlassen, weil er davon ausgegangen war, dass ich mich bereits auf den Weg gemacht hätte. So innig ist unsere läuferische Beziehung.
Eine Besonderheit der Brocken-Challenge ist, dass nach den VPs meist ein Anstieg folgt. Lediglich hinter dem VP Rollhausen – hier geht es erst nach ca. einem Kilometer hinauf zur Tilly-Eiche – und dem Jagdkopf folgt nicht unmittelbar ein Anstieg. Hinter Barbis beginnt ein steiler Stich: Topographie und zurückgelegte Distanz sowie die bevorstehenden Aufgaben erzwingen, dass viele Teilnehmer vom Lauf- in den Wanderschritten wechseln. Als ich den Aufstieg beginne, sehe ich vor mir Rob Walzka und Lars wandern und beschließe, nachdem ich laufend zu Lars aufgeschlossene habe, auch zu gehen, um Kraft zu sparen. Der Zeitverlust ist, wenn überhaupt, nur äußerst gering und zu zweit geht es sich leichter. Oben angekommen unterqueren wir eine Bundesstraße und passieren dann ohne nennenswerte Wartezeit eine weitere Straße. Nun sind wir auf einer kleinen Freifläche angekommen, von der automatisch linker Hand der Blick auf das von Wäldern märchenhaft eingebettete Bad Lauterberg fällt. Kurz vor dem Waldrand treten wir zur Toilette aus und werden von zwei Läufern, den späteren fünftplatzierten Michael Ahrend und Stefan Helbig, überholt. Sie müssen sich anscheinend verlaufen haben, denn an der Rhumequelle waren sie noch vor Lars und mir. Später erfahre ich, dass sie im Wald zwischen der Rhumequelle und Barbis falsch, genauer gesagt nicht abgebogen sind. Nach erfolgreicher Pinkelpause, die sich aufgrund der ersten Kleidungsschicht, die sorgfältig in der Hose verstaut werden will, in die Länge zieht, führt der Weg gleichmäßig auf breiten Forstwegen bergauf. Dieser Umstand mag dazu verleiten, den folgenden Teil der Strecke als angenehm zu empfinden, jedoch zeigt sich die Janusköpfigkeit der Forstwege erst, wenn man auf ihnen läuft. Denn auch im Winter fahren hier Autos der Forstarbeiter oder Waldbesitzer, sodass der Schnee zusammengepresst wird, an der Oberfläche immer wieder auftaut, um in der Nacht zu gefrieren, weshalb in der Folge eine harte, mit Rillen versehene Oberflächenstruktur entsteht. Es läuft sich sehr unrund, frischer Schnee ist angenehmer. Der Forstweg zieht sich leicht ansteigend in Richtung Wasserscheide (Weser/Elbe) und ich merke, dass Lars Probleme hat, mein Tempo zu halten. Ich beschließe, mich fortan alleine Richtung Brocken durchzuschlagen. An der Wasserscheide führt die Strecke ein kurzes Stück bergab ins Steinaer Tal. Hier ist es deutlich kühler und die bewaldeten Hänge links und rechts des Wegs sind weiß gezuckert. Vor mir läuft Rob, den ich innerhalb kürzester Zeit überholen kann, und Patrick Stein, der anscheinend dem hohen Anfangstempo Tribut zollen muss. Ich komme auch Patrick schnell näher, nehme jedoch etwas Tempo raus, da ich deutlich zu schnell unterwegs bin. Außerdem macht mir mein Magen etwas Probleme, was ich auf zu viele schnelle Schlücke kalten Wassers aus meiner Trinkpulle zurückführe. Eine Unachtsamkeit, die bei genauerer Lektüre von Meyers Reisebuch für den Harz aus dem Jahr 1905 vermieden hätte werden können, heißt es dort auf S. 5 doch: „Einige Schluck frischen Wasser schaden nichts; vieles Trinken schwächt. Wer empfindlich beim Kaltwassertrinken ist, vermische das Wasser im Lederbecher mit etwas Kognak“. Von hinten schließt nun Michael Wagner auf, der am Ende noch auf Rang drei vorlaufen wird und wie immer eine tolle Rennaufteilung hat. Er erreicht mich kurz vor dem Jagdkopf, als ich an einer steileren Rampe etwas gehe und gibt mir einen Tipp, um den rebellierenden Magen zu bekämpfen. Am Jagdkopf lasse ich mich in den bereitgestellten Liegestuhl fallen und genehmige mir Tee und Brühe. Auch Patrick scheint es nicht gut zu gehen, während sich Michael nach kurzer Pause verabschiedet, gerade als Lars die letzten Meter zum VP zurücklegt. Lars, Patrick und ich brechen dann noch einer gefühlten Ewigkeit gemeinsam auf und gehen zunächst durch den knöcheltiefen Schnee. Irgendwann gebe ich mir einen Ruck und falle in den Laufschritt. Magen und Beine fühlen sich wunderbar an, der Schnee glitzert im Sonnenlicht und der Wald gibt immer wieder Blicke Richtung Oderstausee und Brocken frei. Ich fühle mich fast wie neugeboren. Irgendwann drehe ich mich um, doch hinter mir ist niemand zu sehen. Hier lässt es sich hervorragend laufen, denn der Schnee ist griffig und nicht zertreten. Erst kurz vor der Lausebuche gleicht die Strecke einem Volleyballfeld, sodass der Schritt unrund und das Tempo niedriger wird. Ich stapfe und schnaufe den Anstieg hinauf, wohlwissend, dass es danach leicht bergab zum nächsten VP geht. Kurz hinter der Kippe schon kann ich die Helfer sehen und auch Zoë und Willi kommen ins Blickfeld, die links und rechts des Weges im Wald herumlaufen.





















Sonntag, 31. Mai 2015

Brocken-Challenge 2015: Here we go! [Part I]


Wenn man sich mehr als drei Monate nach einer Laufveranstaltung an den Bericht, der von eben dieser Laufveranstaltung erzählen soll, macht, kann das eigentlich nur bedeutet, dass der Lauf ziemlich gelungen war und eindrucksvolle Spuren hinterlassen hat. In diesem Sinne: Brocken-Challenge 2015, here weg go!
Oderbrück, 14. Februar 2015, 12:50
VP Oderbrück (c) Marilena Matzke


Kurz bevor ich auf den Parkplatz an der Bundesstraße 4 zwischen Braunlage und Bad Harzburg laufe, fällt mein Blick auf meine Uhr. Sechs Stunden und neunundvierzig Minuten. Noch etwas mehr als sieben Kilometer bis zum Ziel auf dem Brocken. In unter acht Stunden anzukommen ist also möglich. Ein wohliges Gefühl breitet sich aus. Mir kommen einige Langläufer entgegen, die mich teils bewundernd, teils irritiert anschauen. Ich nehme sie aber auch nur noch aus dem Augenwinkel und nicht mehr ganz deutlich war. Die Anstrengungen der vergangenen Stunden zeichnen sich deutlich ab. Der Parkplatz ist nun schon einige Zeit in Sichtweite und hinter den parkenden Autos kann ich den letzten Verpflegungspunkt erahnen. Kurz bevor ich den ersten Schritt auf den gepflasterten Weg setze, kann ich meine Eltern und meine Schwester, die die Betreuung der Läufer dankenswerterweise übernommen haben, sehen und zum zweiten Mal an diesem Tag schießen mir einige Tränen in die Augen. Sie um diese Zeit, in diesem Zustand hier zu sehen, hatte ich mir vor einigen Wochen erhofft, aber nicht für möglich gehalten.

Göttinger Wald, 01. Februar 2015, 13:30

Eine beträchtliche Menge Neuschnee hat sich in den vergangenen Tagen angesammelt und ich kämpfe mich zusammen mit Alex den kurzen, aber steilen Anstieg von Klein Lengden kommend zum Westerberg hinauf. Der Schnee knirscht unter den Schuhen. Jeder Schritt klingt durch das Geräusch des Schnees nach und wird vom rasselnden Atem überlagert, der zugleich eine beträchtliche Menge Feuchtigkeit in die kalte Winterluft hinaus lässt. Alex ist einige Schritte hinter mir und stellt lauthals die Wegwahl in Frage, wäre er doch lieber auf der leicht und gleichmäßig ansteigenden Forststraße, die sich nun weit unterhalb von uns auf das Kerstlingeröder Feld zieht, geblieben. Als es geschafft und wir den Scheitelpunkt erreicht haben, ist die Belastung der letzten 38 Kilometer zu merken. Kurz flammt in mir der Gedanke auf, ob es mir überhaupt möglich ist, in zwei Wochen mehr als die doppelte Distanz zurückzulegen, bevor Alex ihm mit einem „Du bist fit!“ die Luft entzieht. Nach einem zügigen Marathon Ende Oktober in Frankfurt am Main war der Beginn der unmittelbaren Vorbereitung auf die BC mit dem Schloss-Marienburg-Marathon und einem Trainingsmarathon zusammen mit Lars gut angelaufen. Eine Überlastung in der Wadenmuskulatur und eine Erkältung, die man sich unweigerlich einholt, wenn man zu lange mit ehemaligen Kommilitonen auf Weihnachtsmärkten und verrauchten Kneipen verbringt, hatten mich auf dem Weg zu meinem Ziel Brockengipfel etwas zurückgeworfen. Aber einknicken und nur als Begleiter dabei sein, soweit wollte ich es nicht kommen lassen. Und so schleppte ich mich eine Woche zuvor zusammen mit Lars 60 Kilometer vom Oderstausee hinauf zum Jagdkopf, um von dort die BC-Strecke bis zum Brocken und retour zurückzulegen. Nach diesem und den heutigen 43 Kilometern hatte ich dann die Gewissheit, dass ich zumindest das Ziel in einem einigermaßen akzeptablen Zustand erreichen sollte.


Von Kälte, Wind und dreißig Kilometern gekennzeichnet. (c) Lars Donath
Der Wurmberg ragt aus der Wolkendecke heraus. (c) Lars Donath
Göttingen, Alter Tanzsaal, 14. Februar 2015, 5:40



Zusammen mit Alex, Flo, Lars, Ines, Kathi und Annemarie treffe ich gut 20 Minuten vor dem Start am Alten Tanzsaal ein. Die Lauffamilie ist schon lange wach und beim Frühstück versammelt. Ich habe bereits zu Hause zwei große Gläser grünen Smoothie, Hirse-Linsen-Mischmasch und eine Banane verdrückt, weshalb ich hier nur noch etwas Tee und Wasser trinke. Beim Eintragen in die Starterliste merke ich, dass mir doch etwas kalt ist und so bin ich froh, in einer hinteren Ecke, weit entfernt vom Eingang, mit Frank Reese ein bekanntes Gesicht zu sehen. Frank hat einige Wochen vorher meine Wade wieder auf den rechten Weg gebracht und mir auch gestern noch wohltuende Massage verpasst. Er ist Triathlet und davon begeistert, dass hier mehr als 160 Leute aufbrechen, um die Strecke von Göttingen auf den Brocken in weniger als 14 Stunden zu bezwingen. Wir unterhalten uns, was mich ein bisschen entspannen lässt. Doch um kurz vor sechs Uhr wird es Zeit, in den Startbereich zu treten.

Mit (v.l.n.r.) Patrick, Flo und Lars (c) Silke Reinecke

Meine Renntaktik ist einfach zu beschreiben: So lange wie möglich mit Lars zusammen bleiben. Wir haben in etwa den gleichen Trainingsstand, kommen während des Laufens gut miteinander aus und hoffen beide unter acht Stunden anzukommen. Und da sich Lars gleich in die erste Reihe einreiht, stehe ich zwei Sekunden später auch dort. Erster Ultra, erste Reihe. Klingt irgendwie logisch! Markus Ohlef, Begründer der BC, steigt auf den markanten Stein, der wie jedes Jahr als Empore für die nun folgende Ansprache dient. Im letzten Jahr stand ich weiter hinten und hatte schon als Begleiter Gänsehaut, als die magischen Eröffnungsworte an meine Ohren drangen. In diesem Jahr gehen mir viele Gedanken durch den Kopf und Freude darüber, dass es nun endlich losgeht, breitet sich aus. Mit dem markanten „Brocken-Challenge 2015, here weg go!“ schickt Markus uns auf die Strecke, die sich grob skizziert durch den Göttinger Wald, am Seeburger See vorbei und das Eichsfeld querend zum Harz zieht, wo der Kurs dann auf Nord-Ost Richtung Brocken dreht. Wir verlassen Göttingen also auf einem anderen Weg als Heinrich Heine, der sich aus der Stadt („Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht.“), deren Bürger er so verachtete („Die Zahl der Göttinger Philister muß sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer [...].“), 1824 zu seiner berühmten Harzreise aufmachte.

Die ersten Kilometer steigen leicht, aber merklich zum Kerstlingeröder Feld hin an und auf dem asphaltierten Forstweg hat sich eine harte Schneedecke mit harscher Oberfläche gebildet, auf der das Laufen nicht immer leicht fällt. Ich versuche so früh wie möglich die von den Waldfahrzeugen vorgezeichnete Spur zu erwischen, um nicht bei jedem Schritt leicht in den Schnee einzusinken. Das gelingt mir ganz gut und am rechten Rand des Wegs laufen lasse ich einige Läufer passieren. Vor mir sind mit Flo, Thomas Tribius, den ich vom Harzer Hexenstieg, bei dem ich Lars begleitet habe, kenne und der auch heute wieder von seiner Frau im Begleitfahrzeug unterstützt wird, Lars und Andreas Schneidewind, der hier schon mehrmals gewonnen hat, schnelle Leute, die ich zunächst einige Meter ziehen lassen will, um nicht zu schnell anzugehen. Neben mir läuft Alex, den ich stark einschätze und dem ich eine neue persönliche Bestzeit zutraue. Oben auf dem Kerstlingeröder Feld ist die Stimmung im vorderen Teil gut. Vereinzelt wird sich unterhalten, vereinzelt werden Sprüche gemacht und Flo dazu aufgefordert, doch jetzt schon die Handbremse zu lösen. Kurz bevor wir hinab in die Senke laufen fällt mein Blick zurück und ich sehe den viel beschriebenen Schwall aus Stirnlampen der sich über diese Freifläche ergießt. Zusammen mit den Fackeln, die wie in jedem Jahr unser begnadeter Radler Harri aufgestellt hat, erzeugt das einen einmaligen Moment, den ich hier in den frühen Morgenstunden in aller Ruhe genießen kann.

Kurz nach dem Start (c) Rainer Holland

Bergab nehme ich etwas raus und lasse einige Läufer vorbeiziehen. Hier kann man nur wenig Zeit gewinnen, aber viel Kraft, die man am Ende in den langen Anstiegen vermissen wird, liegen lassen. Auf dem nun folgenden Abschnitt schließen einige Mountainbiker zu uns auf, die ebenfalls mit den Bodenbedingungen zu kämpfen haben. Ihre sehr hellen Lampen sind hilfreich, um frühzeitig vereiste Abschnitte zu erkennen. Yactrax hat niemand an und ich bin mit dem Grip meiner Saucony Kinvara Trail sehr zu frieden. Zwar stellt sich hier noch kein richtiges Laufgefühl ein, trotzdem kann ich einige Läufer überholen. Hier höre das monotone Klackern von Thomas Tribius’ Stöcken, die ihm hier und noch mehr im Harz eine große Hilfe sein werden. Plötzlich kommt Unruhe auf, lautes Rufen schallt und das Licht einer Stirnlampe kommt mir entgegen. Kurz vor der Kollision kann ich einen Stock direkt auf meiner Seite der Strecke und dann Thomas erkennen, der seine steckengebliebene Laufhilfe wieder einsammelt. Mittlerweile geht es die Abbruchkante des Göttinger Waldes hinab nach Mackenrode und ich kann zu Lars und Falk Hübner aufschließen, die sich angeregt über die vergangene BC und die Pläne für das Laufjahr 2015 unterhalten. Mit dem Austritt aus dem dichten Wald wird es heller, auch da die Sonne ihre ersten Vorboten über den Horizont schickt. Es kündigt sich ein wunderbarer Wintertag mit Temperaturen um den Gefrierpunkt, wenig Wind und ohne Niederschlag an. Bisher hat sich die Entscheidung, ohne Jacke und nur mit einem langärmeligen Merino-Shirt und einem zweiten Langarmshirt zu laufen, als gut erwiesen. Dazu habe ich noch eine lange Lauftight und Kompressionsstutzen an, jeweils einen Buff um den Hals und auf dem Kopf als Stirnband, sowie dünne Handschuhe. Auf dem Weg hinab haben wir zum letzten Mal Kontakt mit dem späteren Sieger. Einige wundern sich, dass Flo noch nicht weiter enteilt ist. Da mir seine Renntaktik, es betont langsam anzugehen, aber bekannt ist, bin ich nicht sonderlich überrascht. In Mackenrode schließen wir auf Rob Walzka auf, den ich von der TorTour de Ruhr, auch dort habe ich Lars begleitet, kenne,. Auch Patrick ist mit von der Partie und so laufen wir zu fünft der Sonne und dem ersten Verpflegungspunkt in Landolfshausen entgegen. Kurz bevor wir den VP erreichen nehme ich ein Gel zu mir. Ich will versuche, alle zehn Kilometer ein Gel und dazu an den VPs etwas Obst zu essen. Diese Methode hat sich bei den letzten langen Trainingsläufen bewährt und ich weiß, dass mein Magen diese Art der Nahrungsaufnahme ohne Murren mitmacht.

Wir erreichen den VP Landolfshausen (ca. km 11) nach 52:31 min, genau im eigentlich nicht vorhandenen Zeitplan. Der VP wird vom Hospiz an der Lutter betreut, das seit Jahren mit vielen freiwilligen Helfern an der Strecke ist und sich liebevoll um die Läufer kümmert. Später werden wir einige der fleißigen Bienchen auch im Ziel wieder sehen. Ich schnappe mir etwas Tee und nehme ein Stück Banane. Falk (und Rob?) sind derweil schon weiter gelaufen und so geht es mit Lars (und Alex?) in den nun folgenden kleinen Anstieg. Beide verabschieden sich jedoch nach wenigen Metern zu einer gemeinsamen Pinkelpause, sodass ich alleine weiter trabe, um die Beine nicht gleich zu übersäuern. Oben angekommen geht es am flach am Waldrand entlang und die ersten Sonnenstrahlen ermöglichen einen herrlichen Blick Richtung Reinhäuser Wald. An der Seulinger Warte werden wir mit einem wunderschönen Sonnenaufgang belohnt, der den sich in den kleinen Tälern des Eichsfelds liegenden Nebel zum Leuchten bringt. Das hier ist ein toller Moment und so lasse ich mich zu einem Freudenschrei hinreißen, den anscheinend auch Alex, Lars und Patrick gehört haben müssen, denn sie fliegen von hinten heran, sodass wir die nächsten Kilometer, die zuerst hinab zum und dann um den Seeburger See führen, gemeinsam in Angriff. Mit dabei ist auch Karsten Warmburg, den ich aber nicht persönlich kenne. Hier am See steht Rainer Holland und macht mächtig schöne Bilder!

Seeburger See (Lars, Alex, Patrick, Karsten) (c) Rainer Holland


Von Bernshausen laufen wir vornehmlich flach durch die Felder zum zweiten VP (ca. km 22) in Rollshausen. Ich setze mich etwas von der Gruppe ab, um kurz in die Büsche zu treten. Von hinten laufen Michael Wagner und noch ein anderer Läufer, den ich aber nicht kenne, heran und ich geselle mich zu ihnen. Zusammen laufen wir nach 1:46 h am VP ein. Auch hier wieder nur ein kleiner Schluck Tee und etwas Obst. Bisher geht die Verpflegungstaktik auf. Ich habe noch eine 0,5l Wasserflasche dabei, aus der ich ab und zu etwas trinke. Das Wasser ist jedoch recht kühl, weshalb ich nur kleine Schlucke nehme, um den Magen nicht zu sehr zu belasten. Nach dem VP sind wir mit Alex, Patrick, Lars und Michael Mankus, den Alex mit allen bekannt macht, in einer Fünfergruppe zusammen. Vom Ortsausgang führt der Weg direkt in den Anstieg zur Tilly Eiche, die auf dem Helleberg steht, und der den ersten längeren Anstieg darstellt. Auch hier versuche ich wieder nicht zu übersäuern, weshalb ich überrascht bin, dass Lars, Patrick und Michael einige Schritte abfallen. Alex hatte sich schon vorher in den Wald geschlagen. An der Tilly Eiche treffen wir zwei Läufer, die bergauf ziemlich Zeit verloren haben, dafür aber nun bergab ziemlich Gas geben. Auch Patrick fliegt an mir vorbei und macht mächtig Druck. In Rüdershausen muss ein steiler Stich hinauf zur Kapelle überwunden, in dem ich die beiden Läufer wieder einsammle. Auch Lars kommt von hinten heran und so genießen wir von hier oben zu zweit einen ersten Ausblick auf den Harz und die nun folgenden Kilometer. Patrick hat mächtig Druck gemacht und ist schon mehrere hundert Meter voraus. Lars und ich wissen beide nicht, was er vorhat, schließen dann aber kurz vor Rhumspringe und dem dritten VP (ca. km 31) an der malerisch gelegenen Rhumequelle zu ihm auf. Hier sind wir auch überrascht auf Thomas Tribius zu treffen, der wohl dem hohen Anfangstempo Tribut zollen musste. Das gibt mir einen kleinen Kick und ich frage am VP, den wir nach 2:33h erreichen, in welchem Positionsbereich wir liegen. Top Ten lautet die Antwort.

Mit Lars kurz vor'm VP Rhumequelle (c) Frank Mölders

Ich fülle die Wasserflasche auf, schließe meine Gamasche und laufe mit der Gruppe weiter. Auch nach diesem VP wartet ein Anstieg, der sich im Wald auf einer Forststraße gleichmäßig bergauf zieht. Wie schon an den Anstiegen zuvor fühlen sich die Beine gut an und obwohl ich das Tempo nicht forciere, fallen die anderen etwas. Kurz höre ich, wie das Klackern der Stöcke von Thomas beschleunigt, nach wenigen Metern aber schon wieder abfällt. An dieser Stelle fasse ich den Entschluss, mein eigenes Tempo durchzulaufen und dafür bergab lieber Tempo herauszunehmen. Der Weg macht einen scharfen Linksknick und nach mehreren hundert Metern einen Rechtsknick. Hier stehen wieder zwei Supporter, die seit Göttingen an der Strecke sind und für gute Laune im und schöne Bilder vom Teilnehmerfeld sorgen. Aus den Boxen des Autos klingt irgendein Après-Ski-Hit und ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Was wohl die Tiere im Wald denken?
Zwischen Rhumspringe und Barbis
 (c) Nolle...(?)
 Kurz hinter km 35 tritt die Strecke aus dem Wald heraus und wieder öffnet sich der Blick Richtung Harz. Die Marathonmarke in Barbis ist in Reichweite und ich erkenne vor mir Dominik Singer, der von einem Radfahrer und einem Läufer (Steffen Hercher?) begleitet wird. Es geht hinab zu einem Aussiedlerhof, nach dem ein weiterer Anstieg folgt. Ich kann der Versuchung widerstehen, schon hier auf Dominik aufzulaufen, was allerdings gar nicht so einfach ist. Hat der Kopf erst ein Ziel gefunden, an dem er sich orientieren kann, versucht er den restlichen Organismus dazu zu treiben, das Ziel so schnell wie möglich zu erreichen. Auch Lars, Patrick und Michael sind mittlerweile wieder in Sichtweite hinter mir und wir rollen die leicht abschüssige Straße in gleichmäßigen Abstand hinab. Kurz vor km 40 schließe ich zu Dominik auf, der hier schon sehr fertig aussieht. Ähnlich wie Thomas ist er fix angegangen. Wir sprechen kurz miteinander und wünschen uns weiterhin alles Gute, am nächsten Anstieg liegen schnell einige Meter zwischen uns. Nun kann man den VP 4 (ca km 42,5) in Barbis schon (fast sehen). Die Straße zieht sich zuerst parallel zum Hang, dann abfallend nach Barbis. An der Hauptstraße sind einige Spaziergänger unterwegs und auch die ersten Begleiter sind schon am VP eingetroffen. Der Weg hinab tut gut, nicht nur den Beinen, sondern vor allem der Seele, denn ich kann aus der Entfernung einige bekannte Gesichter erkennen. Kathi ist zusammen mit Zoë und Willi hier und besonders freue ich mich, Rado zu sehen. Ich laufe nach 3:36h ein und setze mich auf eine Bank, um einige Gels aus dem Rucksack zu holen, leere Verpackungen wegzuschmeißen und meine Stirnlampe abzusetzen. Dann trinke ich Brühe und Tee und esse wieder Obst, während mir Zoë sagt, dass ich ganz schön schnell sei und nicht so viele Läufer vor mir seien. Ich freue mich, dass sie so enthusiastisch bei der Sache ist. Auch mit Rado und Kathi unterhalte ich mich und fülle wieder Wasser und Gelreserven auf. Als ich sehe, dass Lars den VP verlässt, verabschiede ich mich von allen und trotte Lars hinterher.



Hinab zum VP Barbis
(c) Radoslav Dochev
Mit Zoë 
(c) Radoslav Dochev